Eisenbahner
aktives Mitglied
Beim Streifen durch Rovinj freue ich mich – auch als praktizierender Eisenbahner - immer, wenn ich ältere Autos sehe, die ich in Deutschland selten oder gar nicht mehr vorfinde und die ich mit den Jahren ca. 50-70 in Verbindung bringen kann. Diese Autos atmen jüngere Geschichte, die mir als so reizvoll erscheint. Ich bin mir nicht sicher, ob die nachfolgend gezeigten Autofunde aus Rovinj „offiziell“ wirklich Youngtimer sind oder schon Oldtimer, für mich sind sie natürlich das erstere, da sie auf mich absolut „jung“ wirken und vielfach eine ganz eigene, unverwechselbare Formensprache aufweisen, die man bei heutigen Autos doch vergebens sucht?
Im Angebot haben wir z.B. den kleinen gelben Fiat 500, der sich in einem kleinen Innenhof in der Stadt versteckt hielt. Denkt man nicht automatisch an das Italien der 60er Jahre? Und an ganze Familien in diesem kleinen Autochen?... Auch das Schwestermodell von Zastava (Zastava = Fahne, ehemals jugoslawischer Auto- und Waffenfabrikant, gegründet 1953; Fiat-Lizenznachbauten, heute mehrheitlich im Besitz des Fiat-Konzerns) konnten wir in Rovinj erblicken.
Fiat-Legende 500 in Rovinj
Modell 750
Purismus auf dem Armaturenbrett …
Das entsprechende Zastava-Modell
Kennt ihr den noch? Ein Citroen Ami 8, gebaut von 1969-1978. Basis für dieses Modell war übrigens der 2 CV (Ente), und das Vorgängermodell Ami 6 hatte in der Version „Berline“ eine ganz eigenwillige Dachkonstruktion.
Citroen Ami 8, 1969-1978 gebaut
Besonders gefreut habe ich mich aber über den VW Käfer. Diese Version, auch „Sparkäfer“ genannt, hatten wir damals in gelb (alter Postkäfer) zur Verfügung, um als Schüler vor dem Abitur gen Griechenland aufzubrechen. Der südlichste Punkt, den wir per Küstenstraße erreichten, war jedoch Herceg Novi, und schließlich verbrachten wir unseren Urlaub damals in Cavtat bei Dubrovnik. Eine tolle Zeit. Unser Quartier hatten wir „oberhalb“ an der Magistrale, und da die Batterie unseres Käfers nicht mehr nachlud, mussten wir ihn abends immer an einer Steigung parken, um ihn morgens dann beim Herunterrollen anzulassen …
Toller Fund für mich: VW Käfer 1200, unser Schüler-YU-Urlaubsmodell damals
Ein Blick durchs Seitenfenster zeigt die so vertraute Armaturentafel des Käfers
Unter dem Motordeckel verbirgt sich der luftgekühlte Käfer-Motor. Kühlwasserprobleme kannten wir mit unserem Postkäfer also auch nicht.
Im Schatten eines Gartens ruht sich dieser „kleine rote Traktor“ (Kindersendung) aus. Er stammt aus dem Hause Industrija Masina i Traktora (IMT) und ist eine jugoslawische Lizenzfertigung von Massey Ferguson und scheint mir auch aus den 60er Jahren zu stammen.
„Kleiner roter Traktor“ (IMT) hält Siesta im Schatten eines kleinen Innenhofes
Noch ein IMT, hier beim Bewässern
Urlaubern, die schon länger nach Kroatien fahren, wird auch die Marke Tovarna Automobilov in Motorjev (TAM) ein Begriff sein. In der jugoslawischen Zeit – meine ich mich zu erinnern – stammten die kleineren Transporter in aller Regel aus dieser Fabrik in Maribor, die selbstständig von 1946 – 1996 existierte.
Bildmitte, Himmelblau: TAM-Transporter
Nebenbei: Wo ist Fröschi, unser Haustier, eigentlich? Liest in der Pension ein Buch? Aha, ok.
Fröschi hat Urlaubskameraden gefunden und liest Fachliteratur
Mit dieser kleinen Auswahl ist das Thema „Youngtimer in old town“ eigentlich schon abgehandelt. Da kommt uns allerdings nach dem Stadtrundgang beim Supermarkteinkauf die Vergangenheit in ganz anderer Form entgegen. In der Reihe der verschiedenen Säfte stoßen wir auf eine Flasche „Adria“ Bier. Moment mal, da war doch was …?
Adria-Bier in Rovinj. Was war noch mal damit…?
Zur Beweissicherung nehmen wir erst einmal einige Flaschen Adria mit, um sodann doch noch mal in die Altstadt zurückzukehren. Und nach kurzer Suche finden wir auch, was wir als Sehenswürdigkeit en detail abgespeichert hatten. Die Fassaden der Häuser in der Altstadt Rovinjs sind, was die Verbreitung ganz spezieller Atmosphäre angeht, in einem optimalen Zustand gehalten. An vielen Häusern sieht man unter Putz oder Farbe noch die ehemaligen Hausnummern hervorschimmern, und an einer ehemaligen Osteria sind noch gut die Reste einer in der Schriftausführung ganz fabelhaften Werbung zu erkennen: „Birra Adria“!
Die besagte ehemalige Osteria in Rovinj …
… lässt noch deutlich den schönen Schriftzug „Birra Adria“ erkennen.
Ecklage der Osteria in Rovinj
Die Adria-Brauerei ist aus kleinen Anfängen 1820 in Senožeče (deutsch Senosetsch, ital. Senosècchia), etwa 30 km von Triest, entstanden. In Senosècchia, im Karstgebiet der Primorska gelegen und heute zur Gemeinde Divača gehörend, wurde es der Brauerei zunächst erlaubt, kleinere Mengen Bier zu brauen, um die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zu befriedigen. Waren es anfangs noch 3000 hl/Jahr, so stieg die Produktion 1904 auf 17.000 hl und 1911 auf 35.000 hl, nun exportierte man auch nach Ägypten und in die Vereinigten Staaten. Gleichzeitig waren die Grenzen der Kapazitäten erreicht. Ab 1913 wurde dann in Triest gebraut, nachdem die Adria-Bank in Triest 500.000 Kronen Kapital zugeschossen hatte.
Die Krone war übrigens seit 1892 die Goldwährung Österreich-Ungarns, die zu dieser Zeit den Gulden als Silberstandardwährung ersetzte.
Man geht davon aus, dass der Name „Adria Bier“ mit Blick auf die geldgebende Adria-Bank gewählt wurde.
Das Adria-Bier wurde in Triest bis 1926 gebraut.
Original-Bierflasche der Adria-Brauerei in Triest. Aus diesen gediegenen Flaschen mit Reliefaufschrift „Birra Adria Trieste“ hat man seinerzeit auch in Rovinj gepflegt getrunken bzw. eingeschenkt.
Das heute angebotene Adria-Bier ist also quasi ein Remake in Anknüpfung an alte Zeiten. Es wird aber nicht mehr in Triest hergestellt, sondern in der Brauerei Buzet an der istrisch-slowenischen Grenze. Allerdings liegt diese Brauerei gar nicht soweit entfernt von der „Urzelle“ der Brauerei in Senožeče. Und Rovinj bewahrt bis heute die Erinnerung an diese alte Biermarke. Prost!
Wo wir schon dabei sind, an den Häuserfassaden in der Rovigneser Altstadt hochzublicken, fällt uns noch etwas auf: Eine ganze Reihe von Häusern trägt ein kleines Metallschild mit der Aufschrift Assicurazioni Generali. Sind diese kleinen Schildchen auch Zeugen der italienischen Vergangenheit Rovinjs, die von 1918-1947 dauerte? Auf den ersten Blick scheint dies logisch, aber eine genauere Recherche lässt es als zumindest gut möglich erscheinen, dass die Schilder noch älter sind (weiß jemand Genaueres?), denn die Generali gab es auch schon vor der „italienischen“ Zeit, und diese Geschichte geht, kurz gesagt, ungefähr so:
Hausschild Assicurazioni Generali und alte Hausnummerierung in Rovinj
Die Assicurazioni Generali Austro-Italiche (Österreichisch-Italienische Allgemeine Assekuranz), so der ursprüngliche Name dieser Versicherungsgesellschaft, wurde 1831 in Triest gegründet. Triest war seit 1382 österreichisch, allerdings sprach die große Mehrheit der Bevölkerung italienisch. Dies erklärt, warum der italienische Firmenname offiziell wurde. Das Gründungskapital betrug damals 2.000.000 Florin, aufgeteilt in 2.000 Anteilsscheine a 1.000 Florin. Mit dieser Währungsbezeichnung Florin ist übrigens der Gulden gemeint. Die Bezeichnung geht auf die entsprechende Florentiner Goldmünze zurück, die in verschiedenen Gegenden Europas nachgeahmt wurde. Sie trug das Wappen von Florenz, eine Lilie (lat. flos = Blume). Aus diesem Grund ist die Abkürzung für den Gulden auch fl. Einige von euch werden sich noch erinnern, dass vor der Euro-Zeit in den Niederlanden alle Preise mit hfl ausgezeichnet waren. Dies war die Abküzung für hollandse florijn, und die Währung hieß Gulden.
Alter Anteilsschein der Generali
Erste Version des Markus-Löwen, den die Generali verwendete. Die ersten Versicherungspolicen aus dem 19. Jahrhundert tragen diesen Löwen, der inzwischen nur noch stilisiert verwendet wird.
Der Markus-Löwe als Firmenzeichen der Generali ist womöglich auch zurückzuführen auf die Republik Venedig und deren Wappentier, die sich auch Serenissima Repubblica di San Marco, also „Durchlauchtigste Republik des Heiligen Markus“ nannte, nachdem die Reliquien des Evangelisten Markus 828 nach Venedig überführt worden waren. Das Zeichen des Markus ist der Löwe. Und der Löwe als venezianisches Zeichen ist übrigens auch in Rovinjs Altstadt an einigen Häusern noch heute zu sehen. Wie schön, wenn Geschichte so lange weiterlebt im Alltag.
Na dann: Mast- und Schotbruch, Hals- und Beinbruch! (Generali hilft!)
Venezianischer Löwe an einem Balkon in der Rovigneser Altstadt
So, das waren die Bilder aus Rovinj, unserem Urlaubsort. Oder vielleicht doch nicht ganz, denn wenn wir uns in den Gassen der Altstadt umsehen, können wir eigentlich eben noch hochgehen zur Sv. Eufemija, der Kirche, die so malerisch über allem anderen auf dem Altstadthügel thront. Theologisch besonders interessant erscheinen hier die Kirchenfenster. Daraus wählen wir vier Darstellungen zur genaueren Betrachtung aus.
Kirchenfenster Sv Eufemija: Sündenfall
Auf dem ersten Fenster ist eine Darstellung aus dem Alten Testament zu sehen, genauer gesagt eine theologische und menschliche Ursituation, aufzufinden in der Schöpfungsgeschichte im Buch Genesis. Dargestellt ist der Garten Eden mit einigen Früchten; Adam und Eva bedecken sich schuldbewusst, d.h. sie sind nicht mehr nackt, wie Gott sie schuf: Der Mensch hat die Fähigkeit zum Bösen bzw. ist auch immer in Schuld verstrickt und wird vom Bösen in Versuchung und Tod geführt, Symbol für dieses Böse ist die auf der rechten Seite dargestellte Schlange.
Sinnig übrigens in einigen Kirchen zu sehende Osterstandleuchter, um deren Fuß sich eine Schlange nach oben windet. Dort oben ist der Dorn, der die Osterkerze trägt, durch den Kopf der Schlange getrieben. Mit dem Ostergeschehen ist der Schlange „der Kopf zertreten“, die Macht des Todes ist gebrochen.
Kirchenfenster Sv Eufemija: Geburt Jesu
Auf dem zweiten Fenster sehen wir das Weihnachtsgeschehen: Maria mit dem Jesuskind im Arm. So wie Gott auf die Erde herunter gekommen ist, so scheint der Stern von Bethlehem sich mit seinem Schweif nach unten zu Mutter und Kind zu bewegen. Den Weisen aus dem Morgenland ist der Stern Orientierungspunkt, wie Matthäus zu berichten weiß: Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.
Kirchenfenster Sv Eufemija: Stillung des Sturms?
Auf dem dritten Fenster ist anscheinend eine Szene auf bewegtem Wasser zu sehen. Leider habe ich keinen Kirchenführer, aber mir scheint, dass es Jesus sein könnte, der von den Jüngern über den See gefahren und beim aufkommenden Sturm um Hilfe angerufen wird. Dann wäre in der Szene dargestellt, wie Jesus mit ausgebreiteten Armen dem Sturm Einhalt gebietet (Stillung des Sturms).
Für die Küstenstadt Rovinj und ihre seefahrenden Einwohner sicher ein nicht unpassendes Motiv. Bei bewegter See wird die Heimfahrt und die näher rückende Kirche auf dem Altstadthügel für den einen oder anderen Seemann ein tröstlicher Anblick gewesen sein.
Weiß ein Leser mehr zu diesem Fenster?
Kirchenfenster Sv Eufemija: Christi Himmelfahrt?
Im vierten Fenster schließlich ist die Lichtsymbolik in der Fenstermitte auffallend mit einer offensichtlich heiligen Figur (Heiligenschein). Links daneben scheint eine andere Figur zurückzuweichen. Haben wir es hier mit Christi Himmelfahrt zu tun?
Wer mehr weiß, bitte gerne ergänzen oder korrigieren.
So beeindruckend das Bild der Kirche Sv Eufemija von außen und von weitem ist: Auch der Blick aus dem Innenraum durch das Hauptportal nach draußen ist nicht ohne: Die Tür öffnet sich mit Blick auf das praktisch unendliche Blau von Himmel und Meer.
Sv Eufemija: Blick aus dem Innenraum durch Hauptportal
Blick vom Kirchturm auf Katharineninsel, Goldenes Kap und Rote Insel
Turmspitze Sv Eufemija
Sv Eufemija als Regentin über Rovinj
Der beleuchtete Turm von Sv Eufemija ragt in den Abendhimmel
Was ist uns sonst in Rovinj aufgefallen? Das relativ junge Gemisch aus vielen verschiedenen Völkern in einer angenehm quirligen Stadt. Wir haben gesehen: Russen, Slowaken, Ungarn, Polen, Schweden, Deutsche, Franzosen, Niederländer, Österreicher, Briten, Tschechen, Serben, Slowenen, Spanier, Kroaten. Interessant, dass offenbar ein übergreifender gemeinsamer kultureller Hintergrund vorhanden ist, der ein problemloses Nebeneinander ermöglicht. Beschwerden oder Vorbehalte aus der einen Gruppe gegen die andere haben wir nicht registriert, allerdings sind ja auch alle mehr oder minder entspannt im Urlaub. Trotzdem eine schöne Erfahrung.
Alle diese Urlauber treffen sich natürlich v.a. abends in der dann prallvollen Stadt; besonders schön haben wir die Atmosphäre in Erinnerung in der „Lorenznacht“. Zu diesem Datum werden in der Rovigneser Innenstadt einige Straßenzüge bzw. Plätze (nur) mit Fackeln beleuchtet, einige ausgewählte Gebäude am Titoplatz werden per Beamer mit speziellen Mustern und Farben angestrahlt. Bei lauen Temperaturen ein schönes Ereignis.
Unklar ist mir bislang die Verbindung Rovinjs mit dem heiligen Laurentius, der vom römischen Kaiser Valerian auf einem Eisenrost gegrillt wurde, so als Märtyrer starb und im Katholizismus als Schutzheiliger der Feuerwehr, gegen Feuersbrunst, Brandwunden, Augenleiden, Hexenschuss, Ischias, Hauterkrankungen, Pest, Fieber und die Qualen des Fegefeuers gilt, aber auch zuständig ist für die Weinberge und für das Gedeihen der Weintrauben, insofern einige Reben um den 10. August, den Laurentius(todes)tag, reifen. Sollte letzteres die Verbindung mit Rovinj darstellen? Oder geht es um eine nicht ortsgebundene Tradition, welche Sternschnuppen als Tränen des Heiligen deutet? Lerne gerne dazu!
Lorenznacht in Rovinj mit Projektionen auf Häuserfassaden
Lorenznacht mit Fackelbeleuchtung an der Hafenmole; im Hintergrund Pendelboot „Rubinum“ zur Roten Insel
So, es ist spät geworden in der Laurentiusnacht, wir gehen nach Hause und ins Bett und träumen von Rovinj.
Rovinj …… du Internetbekanntschaft, denn da lernten wir dich kennen, und nun kennen wir dich schon seit Jahren „in echt“. Und wir halten es im Urlaub an deiner Seite nur wenige Stunden am Tag am Strand aus. Weil wir dann wieder durch deine alten Gemäuer und Gassen ziehen müssen. Weil wir uns da so wohl fühlen mit dem, was du uns gibst. Danke dafür!
Soweit dieser Teil unseres Reiseberichtes, mehr evt. in einem dritten Teil, der vielleicht knapp von unserem Kurzausflug nach Mali Lošinj erzählt und den Titel tragen könnte „Im Heli in Mali“.
Vielen Dank für euer Interesse & Geduld, nun ist es doch etwas mehr geworden als die angekündigten „Youngtimer“,
Gruß vom
Eisenbahner
Mit Dank an ELMA als Ergänzung hier die Zusammenstellung der Teile 1-6:
Teil 1
"Vier Funde und ein Halleluja" (Kroatien 2011, Nr. 1/6)
Teil 2
Rovinj: Youngtimer in Old Town (Kroatien 2011, Nr. 2/6)
Teil 3
"Im Heli in Mali" (Kroatien 2011, Nr. 3/6)
Teil 4
Was geschah auf der M/F LIBURNIJA?
Teil 5
Die rätselhaften Ruinen von Konavle
Teil 6
Rijeka: Wiedersehen mit der LIBURNIJA (Kroatien 2011, 6/6)